Nachruf zum 1. Lichterfest am 13. Juni 1995 auf Schloß Schönwölkau
Zu den Zeiten - als der Graf noch im Sandkreis zu den sieben Dünen herrschte und jedes Jahr einmal zwölf Stunden mit Essen, Trinken und der langen Weile verbrachte um dann wieder schlafen zu gehen gab ihm der Esel den Rat den Sandkreis zu verlassen, um ein neues Land zu nehmen und die nächsten zwölf Stunden des Wachens nie wieder mit Mühsal und Grübeln zu verbringen. Der Graf folgte dem Rat seines Wappentiers und beschloß, diesen Tag von nun an mit einer großen Feier zu regieren und diese sollte zwölf Stunden dauern von 06.00 Uhr des Abends bis 06.00 Uhr des Morgens.
Auf einem Wochenendausflug mit dem wieder erfundenen Fahrrad durch die Parklandschaften nordwestlich von Leipzig entdeckte der Graf das verträumte und vom Zahn der Zeit an den Fassaden herzergreifend zerbröselte Schloß Schönwölkau inmitten einer dreihundertjährigen Parkanlage aus Sichtachsen, Laubbäumen und Teichen.
Schloß Schönwölkau verfügte über ein in Eiche getäfelten Speisesaal, eine repräsentative Wandelhalle sowie einen großen Festsaal mit Wandspiegeln und Bühne. Indessen faßte der Graf die Idee, hier dieses erste Fest für die Sinne und des Vergnügens zu wagen, welches später als das 1.Lichterfest in die Geschichte der Bälle einging. Als Datum wurde der 13.06.1995 angesetzt. Es mußte in aller Eile das äußere Gewebe zum Inneren gebildet werden. So wurde zur Belebung und Organisation des Gefüges ein Hofstaat berufen, dessen Gebilde wechselnden Aufgaben unterworfen war. Es wurde für die Gäste ein kleiner Zeltplatz vor dem Schloß errichtet, dessen krönender Schmuck ein hellblau gefärbtes Feldklosett aus blauem Plaste mit Rippung bildete. Auch der Graf nahm die Mühe auf sich, selber im Zelt zu schlafen und das Feldklosett im Prachtgewand zu bemühen, um auch in kritischen Zeiten als gutes Beispiel voranzugehen.
Der Hofstaat : - Rollo Kosmos, Graf Schlaf - Beata Candita von Kacktus Candiflorus, Gräfin - Eugen von Mecklenburg, Hofmarschall - Dietrich von Eytra, Mundschenk - Hugo vom Wurzelbach, Leibkammerherr
Gemäß der Herkunft des Grafen und seiner Legitimierung in neuen Landen ließ sich dieser vom Hofstaat, den Untertanen und allen geladenen Gästen den Titel Graf Schlaf Rollo Kosmos I. bestätigen und ausrufen. Sein Wappentier aber blieb und ward der Esel.
Aus den Berichten eines Augenzeugen:
Bevor das eigentliche Treiben beginnt, werden die Gäste bei herrlichem Sonnenschein zum Portalfoto gebeten. Der zentrale Wettkampf im Armbrustschießenist eröffnet. Zur Erheiterung der Umstehenden schnellt beim Schußversuch des Leibkammerherren die Sehne von der Armbrust und fliegt in die Büsche. Nach halbstündigem Absuchen der Umgegend wird die Aktion abge- brochen. Da keine Ersatzsehne vorhanden ist, wird dieser erste Armbrustwettkampf als unbeendet und ohne Siege abgebrochen.
Bis zum Abend sind bereits mehr als 120 Gäste aus den umliegenden Landen eingetroffen. Mit Spannung erwarten sie den Einlaß in den Festsaal zum großen Tanzball . Dann öffnen sich die Türen. Mit einem riesigen Gedränge quillt die Masse in den Saal. Der Hofmarschall, von zwei Wachen eskortiert ruft jeden seiner Gäste einzeln aus. Das ihm dabei mehr als einmal die Stimme versagt, muß bei diesem Tumult nicht wundern. Unter-dessen spielt ein Bläsertrio unter Leitung des Tubaleutnants Freiherr von Schwanensee mehrmals zur Unterhaltung auf, wobei der Bierkonsum dieser noch jungen 17- jährigen Musiker aus guten Häusern außer Kontrolle zu geraten scheint. Nach einer Stunde ist der Saal übervoll. Unter den besonders Auffälligen seien hier die Großfürstin Spirtumira Pogonie aus der Ukraine in Begleitung eines Kaplans sowie eine gold geschmückte Adelsfraktion aus den Dessauer Landen genannt. Die Türen werden geschlossen, es wird still im Saal. Jeden Augenblick muß der Graf erscheinen. Festliche Marschmusik erschallt.
Der Hofstaat rückt ein und mitten drin auf dem Gestell eines Kinderwagen sitzend wird der Graf hereingefahren. Gejohle bricht aus, das Bläsertrio verspielt sich mehrmals und kann den Takt nicht mehr finden. Die jungen Blech-bläser sind schon vollends betrunken. Der Hofstaat aber kann nicht warten und gibt sogleich seinen Einstand auf der Bühne. Dieser beginnt mit einer kurzen Choreinlage des bekannten Frühlingsliedes Ein Vogel wollte Hochzeit feiern und dem Flötensolo des Mundschenks. Das Flötensolo ist eine Sensation. Zwei Flöten werden gleichzeitig mit den Nasenlöchern gespielt. So etwas kann nur der Mundschenk. Es erklingt das Lied Kuckuck, Kuckuck rufts aus dem Wald . Es ertönt begeisterter Beifall. Das Streichquintett wird vom Kapellmeister Axel Kühnast geleitet, besteht aus vier Streichern und der Ersten Geigerin Christin Straube. Nachdem das Quintett anstimmt zu spielen, hält der Graf eine bewegte Begrüßungsrede und seine Gräfin nebst zweier ihrer Hofdamen bedanken sich überschwenglich mit einem konzertant- theatralischen Gesangsstück, dass wegen seiner opulenten Länge auf einer Pergamentrolle aufgeschrieben werden muß.
Es kommt zum Höhepunkt des Abends, dem Beginn der Schreittänze. Als Erste Tanzen vor : der Graf und die Gräfin, der Hofmarschall und die Hofdame Gräfin von Schnüterich , die Gäste setzten begeistert und lärmend zugleich hinterher. Das ist die Geburtsstunde des berühmten Schnick- Schnick- Schnick- Tanzes und des Präsentationstanzes. Als Tanzmeisterin leitet die Gräfin die Gäste mit sicherer Hand über das Parkett. Während man sich der Schreittänze mit wachsender Begeisterung erfreut, wird es in der Wandelhalle immer lauter. Besonders der Bierausschank ist so dicht umlagert, daß man diesen an solchen nicht mehr erkennt. Wohl bemerkt - im Kartenpreis ist Trinken und Essen bis zum Abwinken frei enthalten. Nur so haben die Gäste die Gelegenheit, sich mehr um sich selbst zu kümmern als um die ständige Handhabung der Bezahlung des Geldvorrates. Das ist für viele Gäste eine Gelegenheit und so erscheinen schon vor Mitternacht zahlreiche Herren und Damen im Wankeschritt, mitunter auch zu den Reihern in die Parkbüsche laufend. Auf ausgedehnten Tischen gibt es kalte Platten und farbenfrohe Obstteller im Überfluß. Die Herren sammeln durch ständiges Prosten den nötigen Mut an, um Damen ihrer Wahl einige mögliche oder verwegen Angebote zu machen.
Ein Seeräuberhauptmann aus Dresden gerät in eine Unterhaltung mit einem Neuseeländer und glaubt ihm seine Herkunft nicht. Nun verwickelt sich auch der Mundschenk in das Gespräch und legt ihm dabei in seiner herzhaften Art die Hand auf den Kopf mit der Frage: Wie herum dreht eigentlich der Zucker ? ( der Mundschenk studierte zwei Semester Physik und vertiefte sich in Arbeiten über die Drehung der Schwingungsebene polaren Lichtes in diversen Zuckerlösungen ) , worauf hin der sich angegriffen fühlende Neuseeländer in Panik dem Mundschenk einen spontanen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Der Mundschenk kann vor Staunen nicht gleich reagieren, ist er doch fast zwei Köpfe größer als der Mißverstandene. Dann schallt es unter den Männern : Mir nach ergreift den Neuseeländer . Ein Dutzend Helden stürzen mit dem Mundschenk begeistert in den Schloßpark, sich die Ehre zu holen. Aber der kleine Übeltäter war schon längst über alle Berge, zurück bleibt ein stundenlanges und erhitztes Gespräch.
Nach Mitternacht erklingen flotte Diskorhythmen aus dem Saal. In allem Räumen herrscht ein Kommen und Gehen. Bis Morgens um 08.00 Uhr dreht sich das Festkarussell, ehe endlich die Ruhe einkehrt. Verheerende Anblicke des gar kräftigen Gelages zeigen sich am nächsten Tag. Zelte wurden verwechselt, Pärchen kauerten im Unterwuchs des Parks, in den Räumen schnuppert es nach schalem Bier, auf dem Boden liegen Glasbruch, Wurstscheiben, zertretene Bananenschalen, Zigarettenkippen und Weinlachen. Der überzeugendste Beweis eines gelungenen Abends sind leblose, aber friedlich und sanft ruhende fein kostümierte Körper, die auf dem Erdboden sitzend an der Schloßwand gelehnt schlafen und sich von der Morgensonne wohlig bescheinen lassen. Diese am Delirium vorbei geschlidderten Kavaliere wachen nicht vor Mittag auf und bieten vorbeilaufenden Gästen eine köstliche Kulisse zum Lachen. Letzter Glanzpunkt des Festes ist die Tatsache, daß ein Blasmusikant sein Jagdhorn versehentlich in den Kofferraum eines fremden Autos gelegt hat. Es dauert mehr als eine Woche, ehe das Mißverständis geklärt ist und der Musikant zu seinem Horn zurück kommt. Hoffotograf ist Robert Teschner und Hoffilmer Dorothea Johne!
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